Geschichte

Die Geschichte der Prinzengarde - Hundert Jahre Prinzengarde von 1899

Dokumentiert von Ehrenmitglied Richard Walter
Ehrengardist, "Ritter von Schreib und Bleib" aus dem Hause Druck und Papier


Nach dem glanzvollen Jubiläum ihres 150jährigen Bestehens im Jahre 1996 kann die Große Karneval-Gesellschaft 1846 einen weiteren außergewöhnlichen runden Geburtstag feiern. An Fastnacht 1999 wird die Prinzengarde der ältesten und traditionsreichen Bad Kreuznacher Karnevalskorporation 100 Jahre alt.

Seit 1823, als in Köln der Rosenmontagszug Mittelpunkt der Kölnischen Fastnacht wurde und für die Thronbesteigung des Helden Karneval die Kölnischen Stadtsoldaten als Inbegriff antimilitärischer "Paraderei" entdeckt wurden, und seit 1837, als für die erstmals organisierte Mainzer Fastnacht eine Ranzengarde als närrische Bürgergarde zur Begleitung des Maskenzugs für "Prinz Bibi" mobilisiert wurde ? seitdem rührten sich auch an Mittelrhein und Nahe die Narren.

1846 - im Gründungsjahr der Großen Karneval-Gesellschaft - berichtete die Kreuznacher Zeitung von einem Maskenzug, "der vom schönsten Wetter begünstigt auch dem größeren Publikum ein fröhliches Bild des Karnevals zeigte. Er war ein Kind des Augenblicks, man hatte sich erst am Morgen dazu verabredet..."

Ab 1882 nahm die Kreuznacher Karneval-Gesellschaft, die seit 1891 den Namen "Große Karneval-Gesellschaft' trägt, ihren ? nur durch die beiden Weltkriege unterbrochenen großartigen Aufstieg. Schon 1884 schrieb die Heimatpresse: "In nicht allzu ferner Zeit wird der Kreuznacher Karneval wie in Köln und Mainz ein Faktor sein, mit dem auch unser Stadtrat zu rechnen hat. Es war das Jahr, in dem hinter Vorreitern, einer Bajazzogruppe und dem Zeremonienmeister der Präsident und Vizepräsident der Kreuznacher Karneval-Gesellschaft im Krönungswagen des Herzogs von Nassau" durch die Stadt fuhren.

Der Elferrat der KG hatte schon damals närrische Begleitung: 1882 "Es Korze Quetsch" als Bajazzo, 1883 Dienstmann Grünewald genannt "Stiwwel" als Herold, 1887 Kiefersch Grolles" als "Bajazzo" und "Burgunds Ratt" als "Herold" und schließlich 1897 "Es Foose Narr" als "Bajazzo". So war der GKGK-Elferrat schon damals um ein farbenfrohes närrisches Bühnengeschehen bemüht, bei dem Bajazzo, Herold und Zeremonienmeister die Szenerie um Präsidiumstisch und Bütte belebten.

 Da fehlte nur noch eine stramme Garde, wie sie andere Karnevalsstädte bereits hatten ? meist als selbständige Korporation, ausgerichtet auf das närrische Prinzenpaar bzw. den Prinzen Karneval. Vorbild war Mainz um die Jahrhundertwende, als Garden das närrische Bild bestimmten und ihre Lager, wo männliche Marketenderinnen riesige Mengen Wein und Bier anschleppten, zum Treffpunkt der Massen wurden.

Am Rosenmontag geboren

Die erste Entscheidung für eine Garde-Gründung in Kreuznach fiel am Abend nach dem Elften im Elften 1898 in der Generalversammlung der Großen Karneval-Gesellschaft im "Pfälzer Hof" an der Poststraße. Für die "bevorstehenden schwerwiegenden Verhandlungen" stärkten sich die Mitglieder gründlich durch einen Spansau- und Gansschmaus. Dann verkündete Präsident Theaterdirektor Konstantin de Leuw, der aus seinem neuen Wohnsitz in Wiesbaden angereist war, daß im bevorstehenden "Fasching" große Aufgaben der Jünger des Prinzen Karnevals harrten: ersten habe sich eine überwältigende Menge von "Stoff" angesammelt, der karnevalistisch verarbeitet werden müsse, und zweitens gelte es, das 99er Jahr als echtes Narrenjahr würdig zu begehen.

Unter großem Jubel und Beifall wurde der Vorschlag angenommen, zur Fastnacht einen großen Maskenzug zu veranstalten, der "alles bisher in Kreuznach Dagewesene in den Schatten stellen solle". Spontan spendeten die Mitglieder 500 Mark, und vier Mitglieder übernahmen den Bau von je einem Festwagen. Ein Zugkomitee aus 30 Mitgliedern wurde gebildet, das "einen der Gesellschaft und der Stadt würdigen Maskenzug" vorbereiten sollte. Auch in der weiteren, Bürgerschaft wurde das Vorhaben begrüßt, mit dem "durch großen Fremdenbesuch der Stadt erhebliche wirtschaftliche Vorteile" erstünden.

Am 18. November tagte die Zugkommission erstmals. "Für das Arrangement der einzelnen Wagen entstanden in den Köpfen der Narrhallesen die originellsten Ideen. Einig war man sich darin, die Gruppen in höchst anständiger, echt karnevalistischer Art zu bilden, und auch künstlerisch Tüchtiges zu leisten." In großen Inseraten bat die GKGK die Mitbürger, zur Zugfinanzierung beizutragen.

In der Stadtverordnetenversammlung am 15. Dezember 1898 verlas Bürgermeister Kirschstein das an ihn gerichtete Gesuch der Großen Karneval-Gesellschaft um einen Zuschuß der Stadt, begründet mit den erheblichen wirtschaftlichen Vorteilen eines Maskenzuges für die Stadt. Bisherige Züge in den vergangenen Jahren seien von kleinen Gesellschaften mit beschränkten Mitteln veranstaltet worden und mit dem geplanten Zug gar nicht zu vergleichen. Ein Zuschuß von 300 Mark bedeute für die Stadt kein Opfer.

Nach längerer, lebhafter Debatte wurde der Antrag mit zehn gegen sechs Stimmen abgelehnt. Es dürfe nicht Brauch werden, hieß es, daß die Stadt jede Vereinsveranstaltung mit einem Zuschuß unterstütze. Beigeordneter Dr. Engelmann lieferte mit seiner Bemerkung, "wenn die Karneval-Gesellschaft auf eine so geringe Beisteuer angewiesen sei, könne sie sich begraben lassen", das Motto für die GK-Fastnacht 1899: "Solle mir uns begrawe losse???“ auf dem Liederbuchtitel. Stadtverordneter Eccardt gab in der Sitzung übrigens sofort Kontra: "Zum Begrabenlassen hat die Karneval-Gesellschaft keine Veranlassung!" Der Maskenzug-Plan spreche für die Intelligenz der Bürger, aus denen die Gesellschaft bestehe...

1899 zählte Kreuznach 20.425 Einwohner, und der Städtische Etat belief sich auf 948.000 Mark.

Mit einer Herrensitzung am 7. Januar 1899 eröffnete die "Große" im Kursaal die "Saison" (wie man damals schon sagte). Vor den 150 Narren spielte Präsident Konstantin de Leuw in seiner "Antrittsrede" auf den verweigerten Zuschuß unter dem Kehrreim "Sonderbar, wie sonderbar" an: "Und wenn zum Zug nicht reicht uns're Kasse ?solle mir uns begrawe lasse? Das wär' sonderbar, sehr sonderbar!"

Inzwischen hatten bereits zwei Drittel der Mitglieder ihre Beiträge zum Maskenzug geleistet. 1111 Mark waren am 5. Januar 1899 in der Kasse der Zugkommission versammelt. Am 11. Januar 1899 veröffentlichte das "Humorblättche" der "Kreuznacher Revolverpresse" - Titel "Max und Moritz" - das Zugprogramm und den Zugweg für den Fastnachtdienstag,

14. Februar 1899. Unter den 43 Zugnummern die Nummern 29 bis 34: Trommlerkorps der Prinzengarde, Musikkorps der Prinzengarde, Standartenträger, Generalstab der Prinzengarde und die Prinzengarde selbst vor dem Wagen des Prinzen Karneval!

In der letzten Herrensitzung im Kursaal wurde Vizepräsident Fritz Waegelein zum Prinzen Karneval "Fritz 1. von und zu Gauklersheim auf Clowningershausen" ausgerufen. Ende Januar wurde auch bekannt: Graf Heinrich Gift von Wirthenberg führe als Brigade-Kommandeur die Prinzengarde, die für die Fastnachttage "auf dreißig Mann verstärkt' worden sei. Seit Blüchers Zeiten war er der erste General, der Standquartier am Bismarckplatz ("Berliner Hof") nahm.

Im Bemühen, den Mitgliedern "des Guten und Fröhlichen so viel wie möglich zu bieten", studierten die "Aktiven" der "Großen" für die einzige Damensitzung im Kurhaus die von Präsident de Leuw verfaßte Posse "Spauzemännche im Harem" und für die Herrensitzung den Schwank "Sarah im Solbad" und das Lokalstück "Michel Mort im Olymp" ein - ein riesiges Pensum bei drei Herrensitzungen, einer Damensitzung, einer Fremdensitzung, einem Maskenball und einer Maskenredoute sowie den Umzügen an Fastnacht!

Am 3. Februar 1899 brachte die "Große" eine Broschüre mit der bildlichen Darstellung des Maskenzugs und den von Maler Kuhnen entworfe­nen prunkvollen Gruppenwagen heraus.

Am 5. Februar war die Prinzengarde im Kaisersaal zum ersten Male unter dem Oberkommando ihres Generals Exz v. Wirthenberg zum Exerzieren versammelt. Die Presse berichtete: Ausdem Schneid der strammen Kompanie konnte man ersehen, daß wir am Rosenmontag und am Fastnachtdienstag ein bedeutendes militärisches Schauspiel zu erwarten haben. Die Werbetrommel soll nochmals gerührt werden zu einer weiteren Verstärkung der Garde." Zur rechten Zeit traf da die Nachricht ein, die Firma Kupferberg in Mainz habe „für den Bedarf der Prinzengarde eine große Kiste Champagner" gestiftet.

Die Arbeiten am großen Karnevalzug machten indessen auch gute Fortschritte. "Das zum Zug notwendige Personal - über 300 Personen -" war von den Komitees zusammengestellt. Die Kostüme und Standarten wurden in einer renommierten Fabrik gefertigt. Wagen und Pferde standen in der gewünschten Zahl zur Verfügung - meist unentgeltlich bereitgestellt. Nach allen kleineren und größeren Orten des Rheinlands, des Hunsrücks, Rheinhessens und der Pfalz war Werbematerial gebracht worden.

Die Standarte der Prinzengarde wurde im Schaufenster der Fahnenfabrik Werner in der Poststraße ausgestellt. Das Banner war in den Farben des Prinzen Karneval ausgeführt und zeigte in der Mitte das Stadtwappen von Kreuznach und die Insignien Seiner Tollität.

Am Vorabend des Fastnachtsamstag hielt die Prinzengarde im "Exerzierhaus zum Kaisersaal" ihre letzte "große Herrschau" ab. Sie verlief glänzend und legte den besten Beweis „für die Bewegungsfähigkeit und Ausdauer der Truppen" ab. Der Kommandeur sprach der Garde seine volle Zufriedenheit, insbesondere über den schneidigen Parademarsch, aus.

Am Fastnachtsamstag fanden sich die Prinzengardisten zum Einkleiden im "Berliner Hof" ein: Uniform der Wallensteiner, langhaarige Perücke unter breitrandigem Federhut.

Am Abend des Rosenmontags spielte sich auf dem von einer riesigen Menschenmenge angefüllten Bismarck-Platz die Parade der Prinzengarde ab. Generalissimus Graf Heinrich Gift zu Wirthenberg befehligte die Parade, und die stramme Garde in glänzenden rot-blau-weiß-gelben Galauniformen aus der Landsknechtszeit führte die Befehle schneidig aus. Seine Tollität Prinz Fritz 1. von Gauklersheim, Herr auf Clowningershausen, der närrische Ministerpräsident de Leuw und der Zugmarschall Philipp Baum, Erlaucht Graf Philipp von Neu?Altenbamberg, Edler von und zu Fürfeld, nahmen die Parade ab. Bei einem Fackelzug durch die Stadt wurden die Gardisten, ausgerüstet mit Holzgewehren und einer Kanone, überall mit Jubel begrüßt. Auch beim anschließenden Kommers im Berliner Hof, Hauptquartier der Prinzengarde, schlug die Begeisterung hohe Wellen. Seine Tollität sprach Beförderungen aus: als erster rückte der Generalissimus zum Generalfeldmarschall auf. Und dann heißt es in den Presseberichten: "Mit Jubel wurde die Anregung aufgenommen, aus der Prinzengarde eine dauernde Einrichtung zu machen." Das war die Geburtsstunde der Prinzengarde!

Am Fastnachtdienstag zogen bei herrlichem Wetter musizierende, singende und scherzende Gruppen Erwachsener und Kinder durch die Straßen. In den Lokalen war fast kein Stuhl mehr zu erlangen. Nach Mittag bewegte sich dann der Maskenzug der Großen Karneval-Gesellschaft mit seinen 51 Zugnummern von der Elisabethenstraße aus durch die Stadt. Von einer lebendigen Mauer von Menschen waren die Straßen eingesäumt, und von Fenstern und Balkonen kamen Jubel und Beifall.

Zugführer war Philipp Baum, der Besitzer des "Grand Hotel Royal et d'Angleterre" direkt dem Kurhaus gegenüber. Ein Grandseigneur, ein Chevalier sans peur et sans reproche, der im Winter mit seinen Sommergästen, russischen Fürstlichkeiten, in den weiten östlichen Steppen Bären jagte. Imposant saß er auf hohem Rosse. In glänzenden Stiefeln, in praller Hose und eng anliegendem Jackett aus blauem Samt, auf dem Haupte die farbenschillernde seidene Vorstandsmütze mit der mächtigen Fasanenfeder so ritt er als Erster vor seinem närrischen Volk. Dann folgte der Bajazzo "es Foose Narr“ mit der von ihm besonders für diese feierliche Angelegenheit ins Leben gerufenen Kleppergarde.

An der Spitze der neu gegründeten 50 Mann starken Prinzengarde marschierte vor dem Musikzug der Bankkassierer Staab, der eigens für diesen Festzug einen neuen Marsch komponiert hatte. Dann Wagen auf Wagen, Rosse und Reisige, Trachtengruppen und endlich unter dem Ehrengeleit der Prinzengarde unter ihrem stattlichen Kommandeur Heinrich Gift von Wirthenberg der Wagen des hohen Prinzen Karneval Fritz 1 von Gauklersheim, der in luftiger Höhe über seinem Volk thronte. Sein hoher Stab ritt auf mehr oder minder rassigen Rossen. Ein wunderbar lebendiges Bild! Mitgeführt wurde auch ein Bagagewagen der Prinzengarde unter Oberaufsicht des Hoflieferanten und Hofuhrenmachermeisters Valentin Wirth. Als Zeichen seiner sanitären Befugnisse trug er auf der Schulter eine mächtige Klystierspritze.

Zum Schluß kam der Prunkwagen der Stadt. Es war eine leere Rollfuhre, gezogen von sechs schweren Ochsen aus dem Rittergut Bangert, die Bretter vor dem Hirn hatten mit der Inschrift "Erbaut von dem Zuschuß der Stadt Kreuznach“.

Die Presse schrieb: "Die Große Karneval-Gesellschaft hat mit dem Fastnachtszug, der an Schönheit und Eleganz sogar den Mainzer Rosenmontagszug übertraf, Großartiges geboten und kann mit Stolz auf die Fastnacht 1899 zurückbIicken. Auch die Bürgerschaft, die durch Spenden ein gut Teil zum Gelingen beigetragen hat, ist stolz, daß dieses Fest in diesem Glanze erstanden ist“-"Es war der glanzvollste Karneval, der jemals in unserer Vaterstadt gefeiert wurde", schrieb der General-Anzeiger am 15. Februar 1899.

Die Prinzengarde wurde am Samstag nach Aschermittwoch zum Generalappell in den "Berliner Hof" befohlen. Nach dem Rückblick auf die "siegreiche Kampagne" wurde an diesem 18. Februar 1899 beschlossen, „zur Sicherheit der Stadt Kreuznach die tapfere Kompanie für immer fortgestehen zu lassen." Eine stattliche Anzahl junger Leute verpflichtete sich fürs nächste Jahr zum Eintritt. Siebzehn erklärten sich bereit, sich eine eigene Uniform zuzulegen. Außer dem bereits bestehenden Korps sollte auch eine Prinzen-Artillerie ins Leben gerufen werden. Zur Erinnerung an ihre "Dienstzeit' ließ sich die Garde im Atelier Does fotografieren.

Im Hotel Kauzenberg unterbreitete der Vorstand der Großen Karneval-Gesellschaft der Zugkommission am 21. Februar 1899 einen "recht guten Abrechnungsbericht". Durch den wohlgelungenen Verlauf des Zuges angeregt, hatten sich nachträglich aus freien Stücken noch viele Hände geöffnet, so daß die der Zugkasse erwachsenen Kosten nur um ein Geringes ? etwa 100 Mark ? die Gesamtsumme der gezeichneten Beiträge überschritten. Da auch die übrigen Veranstaltungen der Gesellschaft 1899 von pekuniär günstigen Resultaten begleitet waren, konnte die Vereinskasse nicht nur die Differenz decken, sondern auch einen Teil ihrer Mittel wiederum zu Wohltätigkeitszwecken verwenden. Die "Große" überreichte ?,dem Bürgermeister die Summe von 131 Mark und elf Pfennig mit der Bitte, jeweils dem evangelischen und dem katholischen Waisenhaus, der Synagogengemeinde und der städtischen Armenkommission bestimmte Beträge zu überweisen, um elternlosen Kindern der Stadt Freude zu bereiten.

Unter "Amtlichen Bekanntmachungen" stattete der Bürgermeister der Großen Karneval-Gesellschaft öffentlichen Dank für die ihm "zum Besten der Waisen aller Konfessionen und für die Armen übergebenen 131.11 Mark" ab.

In der Generalversammlung im November 1899 beschloß die Große Karneval-Gesellschaft, im Jahre 1900 statt eines Maskenzuges eine Kappenfahrt zu veranstalten. Die Prinzengarde solle - neu formiert - unter dem bewährten Kommando ihres kommandierenden Generals "während des Karnevals Kreuznach besetzen". Die einzige Kanone der Prinzengarde solle dabei wieder zum Einsatz kommen. Die Mitteilung eines Mitglieds, daß das edle Streitroß, das Seine Exzellenz bei seinem Siegeszug durch die Stadt geritten habe, momentan einen Mistkarren ziehe, berührte "alle peinlich."

Indessen rührten sich auch die Fastnachtsdichter und reimten für das Liederbuch der "Großen" zur Saison 1900 u.a. das Prinzengarde-Lied (der Prinzengarde gewidmet von ihrem Kommandeur Heinrich Graf Gift von Wirthenberg alias Heinrich Wirth), das Lied "Blaurot" (gewidmet von dem "närrischen Hauptmann der Blau-roten" seinen Kameraden der Prinzengarde) und das Lied "Die Prinzengarde zu Kreuznach" (gewidmet von C. Best), in dem die Offiziere namentlich genannt sind.

So weiß man, wer dem Gründungs-Führungsstab 1899 angehört hat: Der "dünne" Heinrich Wirth steht an der Spitze. Dem Kommandeur zur Seite reitet Adjutant Kämmerer. Dann: Gardehauptmann Bauer, Leutnant Karl Stumpf, Leutnant Jacques ("Schwitzer?Bua)", als "Doctorchen es Werthe Dicker“, Spieß Hönes, Vizespieß Gollé, Unteroffizier Krust, Fähn­rich Dittmar und als Musikspitze Chargierter Karl Staab sowie die "Marketenderin", genannt "es KerIche". Von den Prinzengardisten wird in Bests Lied gesagt: "Die Übrigen sind nette Kerle, sind wahrlich Zelemochums Perle! Sie führen alles schneidig aus: Links um, rechts um und grade aus".

Der Generalbefehl für das zweite Prinzengarde-Jahr lautete: "Dem großen Erfolg entsprechend, den die Prinzengarde im ersten Jahr ihres Bestehens, 1899, sowohl bei der Parade am Rosenmontagabend auf dem Bismarckplatz wie auch während des herrlichen Maskenzugs am Fastnachtdienstag erzielte, lassen uns hoffen, daß sich auch im Jahre 1900 recht viele Herren bei der Garde bei der Aufführung größerer militärischer Schauspiele am Rosenmontag und Fastnachtdienstag beteiligen. Darum: Alle Mann an Bord!"

Im Programm der Großen Karneval-Gesellschaft für den "Carneval 1900", veröffentlicht am 26. November 1899 (!), war der Prinzengarde eine "Extraveranstaltung im Kaisersaal" eingeräumt: "Montag, 26. Februar, Großes Fest der Prinzengarde mit Tanz".

 Ihren ersten "General-Appell" hielt die "Prinzengarde von 1899", wie sie sich jetzt nannte, am 25. Januar 1900 um 21 Uhr im "Berliner Hof". Am 1. Februar war "Mobilmachung" für Offiziere, Ärzte, Unteroffiziere und Gardisten der "Land- und Seewehr".

In der dritten Herrensitzung berichtete Oberkommandierender Heinrich Wirth von einem "brillanten Sieg". Für die Prinzengarde konnte er 40 Gardisten jeden Alters anwerben, die als "felddienstfähig" befunden wurden.

"Behufs Maßnahme für die Costüme" wurden die "Herren Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften" dann per Anzeige des General-Kommandos in den "Augustiner" beordert. Dann wurde die Prinzengarde, "bei der schon seit längerer Zeit eine recht kriegerische Stimmung herrscht,“ zu einem Gefechtsexerzieren nach dem "Kaisersaal" befohlen. "Infolge der bevorstehenden strategischen Ereignisse ist es Pflicht eines jeden preußischen Gardisten", so hieß es, "diesem von höchster Stelle ausgehenden Befehl unbedingt Folge zu leisten. Wer ausbleibt, wird mit Arreststrafen belegt". Über dieses Gefechtsexerzieren berichtete die Presse: "Aus dem Schneid und der Kriegstaktik konnte man ersehen, daß wir am Rosenmontagabend auf dem Bismarckplatz sowie bei der Erstürmung des Kaisersaals und am Fastnachtdienstag bei der Kappenfahrt ein bedeutendes militärisches Schauspiel zu erwarten haben."

Der Rosenmontag im Jahre 1900 sah dann den Aufmarsch von Prinzengarde, Prinzen-Artillerie und Proviantnachschub unter ihren Kommandeuren Heinrich Wirth und Karl Stumpf sowie den Generalstäben auf dem Bismarckplatz. Selbst von Bäumen aus verfolgten Zuschauer die Parade und Musterung der schmucken Gardisten in ihren neuen Galauniformen aus der Landsknechtszeit. Zum ersten Male erklang der neue Prinzengardemarsch, den der Musikdirektor der Garde, Karl Staab junior, den strammen Narrsoldaten, und ihrem schneidigen Kommandeur gewidmet hatte. Ein Fackelzug bewegte sich durch die Stadt zur "Feste Kaisersaal". Mutig wurde die Festung erstürmt, und unter Geschützdonner wurde Prinz Karneval befreit. Der letzte Satz in der Chronik des Rosenmontags 1900 lautet: "Die Garde hatte den Verlust mehrerer, von dem äußerst tüchtigen Stabsarzt allerdings wieder zum Leben erweckter Toten zu beklagen."

An Fastnachtdienstag, 27. Februar 1900, bewunderten bei mildem Wetter zahlreiche Schaulustige die von der Großen Karneval-Gesellschaft veranstaltete Kappenfahrt, an der Spitze "die den Glanz des Zuges erhöhende prächtig aufmarschierende Prinzengarde mit Prinzenartillerie, Generalstab, Musikkapelle und Trommlerkorps." Unter den dreißig mit Blumen, Fahnen und Emblemen gezierten Kutschen, in denen zum Teil kostümierte Herren Platz genommen hatten, wurden besonders die Wagen des Prinzen, des Präsidenten, der Komitee- und Ehrenmitglieder umjubelt, aus denen reichlich Konfetti, Luftschlangen, Orangen, Bonbons und Blumen geworfen wurden. Die Große Karneval-Gesellschaft hatte mit den gebotenen Mitteln wieder das denkbar Beste zuwegegebracht.

Nach Aschermittwoch bedankte sich der Vorstand der Großen Karneval-Gesellschaft in einem Inserat bei allen, die die Veranstaltungen durch ihre Mitwirkung unterstützt hatten, allen voran "den Herren der Prinzengarde".

Die Presse zog die Bilanz der Fastnacht zur Jahrhundertwende: "Die berufenste Vertreterin des Prinzen Karneval in Kreuznach ist und bleibt die Große Karneval-Gesellschaft Kreuznach. Die jüngere Generation hat sich brillant die Gunst des verwöhnten närrischen Publikums erobert. In ihrer Hand liegt nun das Schicksal unseres vaterstädtischen Festes der Fastnacht. Die im vorigen Jahr ins Leben gerufene Prinzengarde ist eine Elite-Truppe der schönsten Soldaten, wie sie nur je ein preußisches Garderegimet geziert haben mag. Die Prinzengarde hat sich durch ihr musterhaftes Betragen und die Innehaltung strengster Disziplin bei der hiesigen Bürgerschaft vorteilhaft eingeführt, daß wohl alle dem Wiedererscheinen dieser tapferen Schar nebst ihren Offizieren - an der Spitze der schneidigste aller Kommandeure - mit Freude entgegensehen, zumal sie sich in völlig neuer eigener Ausrüstung präsentiert. In Kreuznach hat der Karneval so tief Wurzel gefaßt, daß er nicht mehr auszurotten ist, und dies alles mit Recht, denn wir Kreuznacher haben ja im Winter weiter nichts als dies' bißche Fassenacht."

Daran knüpfte die Große Karneval-Gesellschaft in ihrer außerordentlichen Generalversammlung am 11. Dezember 1900 im Serffschen Lokale an. Mit großer Mehrheit wurde beschlossen, am Fastnachtdienstag 1901 einen Maskenzug zu veranstalten, der den vor zwei Jahren arrangierten an Schönheit und Reichhaltigkeit übertreffen solle. Von den anwesenden Mitgliedern wurden freiwillig über 600 Mark sowie vier humoristische Prunkwagen gezeichnet, und ein Mitglied leistete die Garantie für 1000 Mark.

Die Stadtverordneten lehnten in ihrer ersten Januar-Sitzung 1901 den Antrag der Großen Karneval-Gesellschaft auf Bewilligung eines Beitrags zu den Kosten des Fastnachtszugs ab. Trotz des Hinweises auf den 1899er Maskenzug und die der Stadt erwachsenden Vorteile fand der Antrag, wie Bürgermeister Kirschstein feststellte, "keine Unterstützung“.

Die Große Karneval-Gesellschaft stellte die Saison 1901 mit Bezug auf einen in den Stadtratswahlen gefallenen Ausspruch unter das Stichwort: "Zahlen beweisen!" Die Narren sangen: "Es gaben die Stadtväter uns wieder nichts zum Zug, denn dafür, glaubt ein jeder, wär' er doch viel zu klug! Es heißt: Wir müssen sparen für unsern Stadtbaurat, weshalb man für die Narren kein'n Pfennig übrig hat. Trotzdem geben wieder wir den Armen, hat die Stadt mit uns auch kein Erbarmen. Selbst wenn uns trifft ein Defizit, dann teilen wir doch wieder unsern Waisen mit."

Am Rosenmontag 1901 wohnte der neue Prinz Wilhelm 1. von Sahlershausen im Frack den Paraden der Prinzengarde auf dem jeweils von Menschen vollen Stadthaus? und Bismarckplatz bei. Während die Häuser des Bismarckplatzes festlich illuminiert waren, hatte am Stadthausplatz kein Haus geflaggt, und kein Illuminationslämpchen war zu sehen. Die Truppen hielten sich außerordentlich wacker und machten dem Kommandeur hoch zu Roß alle Ehre. Zapfenstreich und Defilee überstanden die der Winterkälte Trotz bietenden schmücken Krieger in gelbbraunen Galauniformen aus der Landsknechtzeit ohne Mühe. Sie machten einen prächtigen und wohlgenährten Eindruck - kein Wunder, wenn man so eine "üppige" Marketenderin mit sich führt. Ein farbenprächtiges Bild bot in dieser kalten Winternacht auch der Fackelzug durch mehrere Straßen, durch die sich mit Prinzengarde, Kanone und Proviantwagen ein buntes Kappenmeer bewegte.

Am Fastnachtdienstag fegte ein heftiger Schneesturm durch die Straßen. Trotzdem war der Fremdenzufluß stark, blieb jedoch infolge des Schneewetters hinter den Vorjahren zurück. Der Maskenzug überflügelte seinen Vorgänger an Humor und an treffender, aber nie verletzender Satire, die dem Kreuznacher Karneval nun einmal eigen ist. Die Sonne verdrängte bei Zugbeginn sogar den heftigen Schneefall. 71 Nummern zählte der Zug, der Kreuznachs Vergangenheit und Gegenwart verkörperte.

 Im Anschluß an die Motivwagen marschierte die Prinzengarde mit geschultertem Gewehr. Ihr folgte, umgeben von Reitern, der sechs Meter hohe Wagen des Prinzen Wilhelm 1. von Sahlershausen, einen Junggesellen mit wuchtigem blondem Schnurrbart aus altem Gerber- und Weingeblüt. Er thronte in dem flüchtigen Schaum eines mächtigen Sektglases, das sich über einem Aufbau aus dicken Sektflaschen und schlanken Sektkelchen hoch in die Lüfte reckte. Lustig schwang er seine Mütze, schüttelte den dicken Schnee ab, hob fröhlich den vollen Kelch und trank aus fast Häuserhöhe seinen lieben närrischen Untertanen auf ebener Erde vergnügt zu.

Die Große Karneval-Gesellschaft konnte wieder mit Stolz auf den Zug zurückblicken, ebenso alle Bürger, die zum Gelingen beitrugen, und nicht zuletzt die Prinzengarde mit ihrem großen Zugbeitrag: Trommlerkorps, Musikkorps, Generalfeldmarschall, Adjutanten, Prinzengarde-Infanterie und -Artillerie mit dem "Long Tom" und der Feldhaubitze, Munitionskolonne, Feldapotheke und Bagagewagen.

Im März 1901 nahm der Zugausschuß die Schlußabrechnung entgegen. Der sich für den Maskenzug ergebende Fehlbetrag von 380 Mark wurde durch einen lustigen Theaterabend im April im "Kaisersaal" gedeckt.

Die Saison 1902 begann am 5. Januar mit einer Herrensitzung im "Kaisersaal". Als Präsident mußte Heinrich Wirth fungieren, da Präsident Constantin de Leuw unmittelbar vor der Sitzung einen leichten Schlaganfall erlitt und in das Krankenhaus St. Marienwörth gebracht werden mußte. Er erholte sich aber so gut, daß er am 7. Januar die Heimreise antreten konnte. Bei der Aufführung von Dr. Karl Hessels Lokalstück "Kreiznach is Trump" am 25. Januar im "Kaisersaal" fehlte der Präsident allerdings noch. "Dem Vorstand war eine Stütze genommen - doch es mußte auch so gehen", notierte der Protokollarius.

An Fastnachtdienstag organisierte eine neue Fastnachts - Korporation - die "Käwer - Gesellschaft" - einen Maskenzug mit 20 Nummern, darunter dem Prunkwagen der Großen Karneval-Gesellschaft, aber ohne Prinzengarde.

In der letzten Sitzung der Saison 1902 ehrte die Große Karneval-Gesellschaft ihren verdienten, seit zehn Jahren amtierenden Präsidenten Constantin de Leuw, der sich erfreulicherweise wieder völlig erholt hatte, sein Amt aber niederlegte.

Einen großen Verlust erlitt die Große Karneval-Gesellschaft durch den Tod von Heinrich Wirth, der als Generalissimus Graf Heinrich Gift zu Wirthenberg, Exzellenz, Gründungskommandeur der Prinzengarde von 1899 gewesen ist.

Zum neuen Präsidenten wählte die Große Karneval-Gesellschaft 1903 den bisherigen Rechnungsrat Adolf Does. Ihm folgte 1912 Fritz Waegelein auf dem Präsidentenstuhl.

Philipp Ost von Kohlenhausen führte nun die Prinzengarde, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg an den drei tollen Tagen durch Umzüge, Paraden und Biwaks das Straßenbild Kreuznachs beherrschte.

So sind Umzug und Biwak am Rosenmontag 1904 in der Chronik festgehalten. Als 1909 der geplante Geisterzug mangels Beteiligung - wie in anderen Jahren auch - ausfiel, trat die Prinzengarde dafür am Rosenmontag "mit allem Pomp" auf.

1910 schlug die Prinzengarde auf dem Kornmarkt ein Biwak auf und forderte die Bürger auf, ihren Obolus zu entrichten, der für die Armen der Stadt bestimmt war. Zum Spaß wurde mancher, der nicht freiwillig zahlte, "arretiert" und dazu gar aus der Wohnung geholt. Um "Doppel-Verhaftungen" zu vermeiden, wurde den Zahlern ein "Freipaß" ans Revers geheftet. "Arrestzelte" standen auch auf dem Eiermarkt.

Prinzengardekommandeur Philipp Ost ritt zu Roß der Truppe voran. Noch im Jahre 1927 - indessen Ehrenkommandeur und Senator - ritt er anläßlich einer Damensitzung über eine Pritsche, die den mehrstufigen Eingang des "Concordia"-Saals überbrückte, in den Saal ein und "inspizierte" die auf der Tanzfläche in Reih' und Glied angetretene Prinzengarde. Bei dem vollbesetzten Saal war dies ein gewagtes Unterfangen, und die Verantwortlichen atmeten auf, als der "fromme Gaul" wieder im Freien war.

Am Fastnachtdienstag 1914 nahm Präsident Fritz Waegelein die Parade der Prinzengarde ab. In markiger Rede forderte er die Gardisten auf, "nach schärfster Schulung des Geistes mit den geschliffensten Waffen und den gewandtesten Worten, die einer richtigen Zelemochumer Schnute zur Verfügung stehen, gegen alle Feinde des Frohsinns und der Freude bis zum letzten Atemzug zu kämpfen". Anschließend wurde im "Goldenen Pflug" die Parade ausgiebig begossen.

 Ein halbes Jahr später mußten die wackeren Prinzengardisten ihre blumengeschmückten Holzgewehre mit dem Infanteriegewehr Modell 98 vertauschen. Die Kriegsjahre mit ihren Schrecken lähmten das Vereinsleben. Auch die Besatzungs- wie die Inflationszeit ließen keinen geregelten karnevalistischen Betrieb aufkommen.

Erst im Januar 1924 fand im Weinhaus Fessner eine feucht-fröhliche Herrensitzung statt. Der jahrzehntelang amtierende Vereinsdiener Spira hatte den Bajaß und weitere karnevalistische Utensilien und Kostüme aus den Händen einer rauhen Soldateska gerettet. Böse Zungen behaupteten, die Trommler-Uniformen der Prinzengarde hätte sich in Soldaten-Unterhosen verwandelt.

Wiedergeburt der Prinzengarde

Im Januar 1925 wurde erstmals wieder eine reguläre Saison eröffnet. Die "Große" zählte 400 Mitglieder. Der Senat verdienter Karnevalisten wurde ins Leben gerufen. Auch die Prinzengarde wurde 1925 neu gegründet. Sie trug - bis 1939 - die Uniform der Wallensteiner; im Zweiten Weltkrieg fielen die Uniformen auf der "Kammer" den Motten zum Opfer.

Als 1927 der Gedanke aufkam, die alte Prinzengarde-Uniform langsam abzuschaffen und dafür die Uniform der Bürgerwehr einzuführen, veröffentlichte Museumsdirektor Karl Geib in den "Heimatblättern" die "Vorschriften für die Bürgerwehr“ aus dem Jahre 1815 und dazu eine Zeichnung, auf der ein Miliz-Unteroffizier dargestellt wurde, "wie ihn die Große Karneval-Gesellschaft zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung in Dienst stellen" könnte. Dazu kam es jedoch nicht.

Im Liederbuch erschienen zwei von A. Bertram verfaßte Lieder ? "Die Prinzengarde" und "Marschlied der Prinzengarde" ?, in denen es u.a. hieß: "Seht euch die Gardisten an - was sind das für schöne Leut’...“ Kommandeur der Prinzengarde war von 1925 bis 1932 Hans Böhm, der laut "Stammrollenbuch der Prinzengarde" zusammen mit Walter Hebgen, Willi

Schober, Rudolf Collein, Heinz Buttgereit, Fritz Stöck, Erich Teibach, Georg Wohlleben, Adam Kasper zum ersten Aufgebot 1925 gehörte.

Im Jahr 1926 übernahm Otto Zimmer, unterstützt durch eine Schar jugendfrischer, begeisterter und fähiger Mitarbeiter, das närrische Zepter und löste mit "neuem Kurs" die letzten der "alten Vorkriegsaktiven" ab. In der neuformierten Prinzengarde wurde nun auch dichterisches Talent gepflegt, und mancher Gardist bestand bald als "Jungfer“ die Feuertaufe in der Narrenbütt.

Das Jahr 1929 stand im Zeichen der Prinzengarde, die ihr 30jähriges Bestehen feiern konnte. In der Herrensitzung marschierten die Jubiläumsgardisten in den Städtischen Saalbau (früher "Kaisersaal") ein. Valentin Wirth erinnerte im "hohen Pokal" an die Gründung der Garde im Jahre 1899 durch 25 Bürger und übergab Gardehauptmann Hans Böhm die von früheren Gardisten gestiftete Standarte. Dem Träger des Banners überreichte Bürgermeister Dr. Fischer im Namen der Stadt einen Brustschild, und "Wespen"-Präsident Steines übergab der Prinzengarde einen Standartennagel.

Dem Festakt folgten Büttenreden, über die es in der Presse hieß: "Staunen muß man über die Fülle der männlichen Jungfern' bei der ,Großen'; da schlummert still so manches Talent und wartet auf Befreiung. Um die närrische Zukunft braucht' s einem nicht bange zu sein." Die Prinzengarde war allerdings auch durch "vier allerliebste Ableger“ verstärkt worden: Walter Zimmer, Erich Böhm, Egon Steiger und Heinz Brenner dienten als Pagen bei der Standartenweihe freiwillig in der Prinzengarde.

In der Damensitzung im Februar 1933 zog der Elferrat der "Großen" im Gefolge "der Kronprinzessin Karneval und ihrer Gespielen sowie der Leibgardisten" - erstmals - in den Großen Kursaal ein, der 1930 eingeweiht worden war. Die Verpflichtung der Gardisten auf die Standarte der Prinzengarde wurde, im Rahmen eines lebenden Bildes" nach einer Idee von Tanzmeister Walter Hebgen vollzogen.

1934 heißt es in der Presse: „Als die Prinzengarde, die nun von Heinz Buttgereit geführt wird, in strammem Schritt und in mittelalterlicher Landsknechtstracht einzog, klopfte jedes Herz - ein Abend, der Freude begann. Prinzengardist Willy Elbert belustigte mit einem Vortrag."

Auch 1934 macht die Prinzengarde wiederum von sich reden: "Das ist die Garde, diesmal die Prinzengarde, die ihre Nase in alles in Bad Kreuznach hineinsteckt und nun ihre Vertreter in den Riesenpokal der Bütte entsendet, um lustige Verse über Kreuznacher Stoff vorzutragen."

Am 9. Februar 1935 fuhren zum ersten Male nach der "Befreiung" des Saarlands Elferrat und Prinzengarde zu einer Prunksitzung der Karneval-Gesellschaft "Mir sin nit so" nach Saarbrücken, um an der Saar den Kreuznacher Karneval zu vertreten. Die Saarbrücker Zeitung schrieb in Mundart: "Die Zelemochumer hatte ihrn Elferrat geschickd, in feine rote Fräck, schwer mit Orde behängt, samt ihrer Prinzegard ? sauwer ware die, wissener, genau wie die Walleschteinische, mit Feddere an ihre brääde Kalabreser unn mit kolossale Schdiewele an de Fieß. Unn mid ihre Säwele hann se do erumgefuchtelt, daß ich mich immer verwunnerd hann, daß se die dodemit iwwer die Grenz gelaß hann..." Vor dem Saarbrücker Oberbürgermeister salutierte die Prinzengarde mit blankem Säbel.

Beim Gegenbesuch der Saarbrücker am 16. Februar 1935 versprach Präsident Porro, im nächsten Jahr mit großem Aufgebot an der Nahe zu erscheinen. In dieser Sitzung trat als Nachwuchsredner ein Gardist auf, der von seinen Kameraden im Chorus kräftig unterstützt wurde, wie die Presse vermerkte.

Über die Herrensitzung 1936 lobt die Presse: "Es geht los! In prächtiger Aufmachung die stattliche Anzahl Prinzengardisten! Da kann man stolz darauf sein, und das ist der Präsident und Obernarr Otto auch." Der neue Kommandeur Rudolf Collein (1935 - 1936) wurde zum Major ernannt.

Großartig gelang der Auftritt des Prinzengardisten Hermann Stein 1937 in der Herrensitzung. "Lachen und Beifall gaben ihm Antwort auf die Frage: Ihr könnt mers glaabe; glaabt er's?" Auch Hans Does bewies, daß "Narrheit erblich" ist: "Einst hat er als Gardemann gesoff, jetzt aber frißt er mit den Wilden..."

In der Damensitzung 1937 zog Präsident Otto Zimmer mit einem Elferrat gleich in doppelter Ausfertigung ein: Der jüngste Nachwuchs hatte gleichfalls rote Fräcke bekommen und marschierte nun stolz hinter seinen Narrenvätern her. "Ottos Hofstaat war so bunt und zahlreich wie noch nie." Aber auch Gäste waren erschienen - wieder einmal aus Bingen!

Mit Göring-Witzen wagte sich 1938 in der Damensitzung die "Familie Nevian" in die Bütt der "Großen", und auch Karl Does - ohne Maske ? riskierte viel, als er reimte: "Ich will nichts sagen vom Verdunkeln heute, nix vun de Kerch, welch' Glöckche duut läute, nix vun de Brieder, vum Kreiskrankehaus, nix vun de Blättche, dem nei un dem alte, weil all mer doch noch beide halte, nix vun Plakettcher un Sammelbichs un iwwer neie Witze vum Göring ? da spreche ich nix..."

In der Herrensitzung am 16. Januar 1939 gab Präsident Otto Zimmer in geschliffenen Versen Aufklärung darüber, wie der Schlachtruf der "Großen" - "Bart ab!" ? einst entstand. Hans Barth löste als Kommandeur der Prinzengarde Hans Koerwer (1937 - 1938) ab. Letzter Höhepunkt der Fastnacht 1939 war die Kappenfahrt von Prinz Helmut Reinhardt und Prinzessin Ruth Förster, die in Willi Elbert und Irene Barth 1938 ihre Vorgänger in der Saalfastnacht hatten.

Dann war - schon wieder - die Fastnacht - für sieben Jahre aus.


Der Neuanfang

1946 fanden sich junge Kreuznacher zusammen, die nicht den tiefen Sinn der Freude und des Humors vergessen hatten, sondern die schwere Zeit mit der Besinnung auf die Werte des alten Brauchtums zu überwinden trachteten. Den internen Treffs folgten nach der Genehmigung durch die Besatzungsbehörde die ersten Schritte zum Wiederaufleben der Kreuznacher Fassenacht: Versammlung, Elferratswahl, Aufführung von Dr. Hessels "Kreiznach is Trump", Neujahrskonzert, Sitzungen, Maskenbälle und Gründungsversammlung der Prinzengarde am 25. Januar 1948.

An diesem Tag beginnt das Protokollbuch der Prinzengarde für die Nachkriegszeit. An erster Stelle steht die "Eidesformel", dann folgt die Satzung: "Die Prinzengarde ist ein Teil der Großen Karneval-Gesellschaft und dient zum persönlichen Schutz des Prinzenpaars. Die Zugehörigkeit zur Prinzengarde schließt die Mitgliedschaft zur Großen Karneval-Gesellschaft ein..." Insgesamt 17 Artikel wurden am 31. März 1956 ausgefertigt.

Erster Kommandeur der Nachkriegs-Prinzengarde wurde Erich Böhm (Erich von Tapetenhausen). Am 16. Februar 1949 feierte die Prinzengarde ihr 50jähriges Bestehen. Die Uniform bestand aus dem Smoking mit weißen Aufschlägen, weißen Handschuhen, Narrenpritsche und Garde-Krätzchen.

Am Elften im Elften 1950 leitete die "Vereidigung" der Prinzengarde wieder traditionell die neue Saison ein. Die Gardeuniform bestand ab 1953 aus grünem Filztuch, und so sprach man von der "Grünen Garde". Beim Fastnachtsumzug jener Jahre erhob sich die Frage, ob die Garde am Zug gehend oder fahrend teilnehmen solle...

1953 wurde die Garde der Prinzessin gegründet.

Am 8. November 1954 löste Hermann Wagner Erich Böhm als Gardekommandeur ab. Am 21. Juli 1956 wurde Hans Förster zum Nachfolger von Hermann Wagner gewählt. Als elfter Kommandeur folgte ihm 1963 Wolfgang Foos.

Im Juli 1957 besuchte die Kölner Prinzengarde (Kommandeur Thomas Liessem) die GKGK.

Die jüngsten vierzig Jahre der Prinzengarde begannen wieder mit einem Uniformwechsel. Nach der grasgrünen Uniform, deren Filztuch schon nach wenigen Jahren "ausgedient " hatte, entschied sich die Garde für preußisch-blaue Uniformen in einem an die alten K.u.K.-Uniformen angelehnten Schnitt und als gute Farbkomposition zum Vorstands-Rot.

Im Anschluß an einen Besuch der "Roten Funken" aus Köln wurde von Präsident Rudi Müller, der 1958 Otto Zimmer gefolgt war, die Aufnahme eines Tanzpaars in das Sitzungsprogramm angeregt. Erster Tanzmajor war 1961 Wolfgang Foos. Heute, 38 Jahre später, ist der Sohn von Wolfgang Foos der Tanzmajor der "Großen"...

Seit vierzig Jahren verfügt die Prinzengarde auch über ein gut eingespieltes Trommler- und Fanfarenkorps. Gegründet wurde es 1959/1960 von dem langjährigen 1. Offizier und stellvertretenden Kommandeur Arthur Drosse.

Die Übungsstunden gestalteten sich damals etwas schwierig, da in der Saison kein beheizter Raum zur Verfügung stand. Nur durch das freundliche Entgegenkommen des damaligen Geschäftsführers der GKGK, Franz Diebold, der der PG seine offene Lagerhalle im Schwabenheimer Weg zu Übungszwecken zur Verfügung stellte, konnte wenigstens geübt werden. Einmal in der Woche war für Trommler und Bläser von 20 Uhr bis 22 Uhr Übungszeit - oftmals bei Minus-Temperaturen. Das hielt die PG aber nicht davon ab, ihr gestecktes Ziel, ein Trommler- und Fanfarenkorps zu gründen, zu erreichen.

So besteht das Trommler- und Fanfaren-Korps noch heute, aber in einer größeren Formation, in der noch einige Mitglieder der Gründergeneration mitspielen.

Heute liegt die musikalische Einstudierung und Ausbildung neuer Mitglieder wieder in den Händen des Ehrensenators Arthur Drosse, aber unter besseren Bedingungen, denn heute können die Übungsstunden in der gutgeheizten Halle der Reitschule, einmal wöchentlich in der Saison, abgehalten werden.

Seit vierzig Jahren nun trägt das Korps der PG zur Verschönerung und Bereicherung der Sitzungen der GKGK bei. Möge dies noch lange so bleiben!

1962 schlug die Geburtsstunde der "Prinzengarde-Shows". Herausragende Themen waren u.a. „150 Jahre Bad Kreuznach“ , „Kreuznach im Wandel der Zeiten", „Die ganze Welt ist ein Theater", „700 Jahre Kreuznacher Stadtrechte". Eine besondere Glanznummer war die Zylindermänner-Parade, mit der die Prinzengarde sogar einen Auftritt in der Mainzer Fernsehsitzung 1971 hatte und danach über vierzig Male im ganzen west-deutschen Raum gastierte. Die Grundidee und auch die ersten Riesen-Zylinder empfing die Prinzengarde von den amerikanischen Stationierungsstreitkräften, die diese "Nummer“ aus Vietnam mitgebracht und im Offiziersclub in Bad Kreuznach aufgeführt hatten.

Seit 1970 tragen die Mitglieder der Prinzengarde auch Clubjacken in Blau mit PG-Emblem und Schalkragen zur Smokinghose und roter Fliege (Anschaffung auf eigene Kosten).

Erstmals unternahm die Prinzengarde 1972 eine gemeinsame Reise - mit Istanbul als Ziel. Inzwischen sind 25 weitere Fahrten gefolgt - nach Ägypten, Marokko, Tunesien usw. Zu den Höhepunkten zählte die Reise an die amerikanische Ostküste mit Besuch der befreundeten Karneval-Gesellschaft "Rheingold" in Guelph/Kanada.

1977 wirkten erstmals die Kinder der Prinzengarde auf der Bühne mit. Seitdem bilden die Kinderauftritte immer wieder den ersten Programmpunkt in den Damensitzungen der "Großen". Zwanzig Jahre lang studierte der heutige Ehrenkommandeur Wolfgang Foos die Kinderauftritte ein. Heue werden die Kinder von Kommandeur Dr. Karl Kuhl trainiert.

Seit Jahrzehnten ist der Saison - Ausklang mit "Beerdigung" der Fastnacht ein Höhepunkt im GKGK - Programm. In gelockerter Atmosphäre wagen sich dabei auch Nachwuchskräfte auf die Bühne. So bilden diese Veranstaltungen zugleich eine Art "Rednerschule" und sind oft Ausgangspunkt einer Büttenkarriere.

Die Prinzengarde war ohnehin stets das große "Reservoir“ für den Büttenredner - Nachwuchs der GKGK. In den dreißiger Jahren kamen Georg Wohlleben, Hermann Stein, Karl Schlarb, Heiner Kärcher, nach dem Krieg Karl Wirth, Walter König, Karl Heinz Klutz, Karl Heinz Zapp, Helga und Wolfgang Foos, Karl Kuhl, Karl Bachmann, Horst Günster, sowie in neuer Generation Steffen und Rainer Bachmann, Andy Foos aus der Prinzen- auch in die Rednergarde. Sie bestreiten oft mehr als die halbe Sitzung.

Daß sich die Prinzengarde ungewollt auch als "Eheanbahnungsinstitut" erwiesen hat, ist offenkundig: Über ein Dutzend Gardisten fanden in den letzten dreißig Jahren ihr Glück in der Prinzengarde. Hier zeigt sich, daß gleiche Hobbies Menschen verbinden - und binden fürs Leben. Selbstverständlich nimmt die Prinzengarde auch an familiären Ereignissen jedes Mitglieds Anteil. So feiert die Prinzengarde seit 25 Jahren alle "runden" Geburtstage und Jubiläen gemeinsam.

Von besonderem symbolischen Wert ist die Mitwirkung bei der Weinlese am 11.11. in der Kreuznacher Lage "Narrenkappe". Alle paar Jahre geht die Prinzengarde einen Tag mit in den Weinberg. Der gelesene Most wird eigens ausgebaut und in Flaschen mit Zusatzetikett meist völlig von den Mitgliedern der Prinzengarde erworben ? und getrunken.

So ist die Prinzengarde im Laufe von hundert Jahren in der Großen Karneval?Gesellschaft zusammengewachsen zu einer großen Familie, in der in Ehren älter gewordene und höchst Dekorierte neben jugendlichen Fastnachtsbegeisterten das gleiche Steckenpferd reiten. Symbole dafür sind Ehrenkommandeur Wolfgang Foos und Kommandeur Dr. Karl Kuhl.

Die Prinzengarde der GKGK ist aus der Bad Kreuznacher Fastnacht nicht mehr wegzudenken!

Ein herzliches Dankeschön für hundert Jahre Prinzengarde - Aktivitäten und ein ebenso herzliches Glückauf für die nächsten hundert! Alleh hopp!